Gelesen: Captain Jack O. Bennett: 40.000 Stunden am Himmel

Bild von Elvira

Manchmal packt der Zufall ein Buchjuwel und hält es einem direkt vor die Augen. So gelangte ich in den 425 Seiten starken Genuss von Captain Jack O. Bennetts '40.000 Stunden am Himmel'. Das im Jahre 1998 in 3. Auflage erschienene Taschenbuch lag offenherzig auf dem Büchertisch eines großen Warenhauses, das leider in Kürze komplett schließen wird. Wieso sich ausgerechnet unter billigen Romanen, überholten Sachbüchern und jeder Menge anderem angestaubtem Taschenbuchkrempel Jacks Buch befand, wird ein Rätsel bleiben. Es gehört gewiss nicht in solch ein Büchermassengrab. Und eigentlich war es auch beschämend, dass ich dafür nur den Schleuderpreis von 1,25 Euro zu zahlen hatte.

'40.000 Stunden am Himmel' handelt, das besagt bereits der Titel, von der Fliegerei. Von den Anfängen der Doppeldecker, immerhin geschahen Jacks erste Flugübungen in Amerika im Jahre 1929, bis hin zu den frühen strahlgetriebenen Jets umspannt diese Biografie das Leben eines Piloten, der mit Leib und Seele geflogen ist. Der technisch Interessierte wird mit einer Fülle an Flugzeugmodellen und Mustern belohnt, die heute zum Teil nur noch im Museum zu besichtigen sind. Der Flugängstliche könnte sich durch die gesamte Biografie hindurch jede Menge Neuimpulse dafür holen, wie wenig Fehler erforderlich sind, um Flugzeuge zusammen stoßen oder fast abstürzen zu lassen. Während der Unerschrockene Bestätigung findet, dass durchaus nicht jeder Absturz tödlich verlaufen muss.

Jacks Biografie ist durchdrungen von unzähligen Begebenheiten, in denen er oder auch seine Kollegen kurz vor der Katastophe standen, die sie entweder meisterten oder aber wenigstens halbwegs glimpflich durchstanden. Die beeindruckende Anzahl an spannenden Vorfällen in der Luft macht einen großen Teil der Faszination dieses Buches aus. Das Buch enthält etliche fesselnde Berichte Jacks, die allesamt geeignet wären, einen spannenden Plot für einen Hollywoodfilm abzugeben. Das Buch bietet einen Fundus an Storys, Begebenheiten und Anekdoten, dass einem der Kopf rauscht. Wäre ich Drehbuchautor, wäre ich von dieser Materialfülle trunken.

So ganz nebenbei bietet das Buch einen kleinen Abriss der Luftfahrt, aber noch viel mehr einen ungewöhnlichen Einblick in die Nazizeit und die Zeit nach Kriegsende, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass Captain Jack O. Bennett der erste Pilot war, der einen der sog. Rosinenbomber durch den Luftkorridor nach Berlin flog.
Zweifellos ist dieses Buch auch eine Homage an Berlin, der Stadt, in der Captain Jack seinen Wohnsitz hatte. Anfänglich, dies ist meine Kritik, beschreibt Jack seine Flugkünste als jugendlicher Pilot derartig übertrieben, dass man meint es tropfe aus jeder Pore Arroganz. Er bedient sämtliche Klischees eines heldenhaften amerikanischen Draufgängers, dem kein Risiko tödlich genug sein kann. Und wie in billigen Hollywoodstreifen geht immer alles gut.

Je länger man aber das Buch liest, desto mehr verflüchtigt sich dieses Gefühl. Am Ende bleibt der Eindruck eines höchst sympathischen, ja sogar empathischen Piloten, dessen leidenschaftliche Berufung es war, so oft es nur ging über den Wolken zu sein.

Wenn mich ein Buch fesselt, dann passiert es durchaus, dass ich traurig bin, wenn es zuende ist. Jacks Biografie hat mich so sehr gepackt, dass ich sogar nach weiteren Veröffentlichungen von ihm gesucht habe. Fehlanzeige. Ja, schlimmer noch, ich las, dass Captain Jack im Jahre 2001 im Alter von 86 Jahren eine andere Gesellschaft aufgesucht hat. Tröstlich ist mir, dass er dort im Kreise vieler wundervoller Piloten, die vor ihm gegangen sind, keine Sekunde lange Weile haben wird. Und es ist gut, dass er die Schließung Tempelhofs nicht mehr miterleben muss, dem geschichtsträchtigen Flughafen, dem er so unendlich viele Erlebnisse verdankte.

Elvira

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